• Missbrauch von Antibiotika in der Massentierhaltung

    antibiotikamissbrauch_massentierhaltungWeltweit bereiten resistente Krankheitserreger den Ärzten zunehmend Sorgen. Antibiotika helfen dort nicht mehr, wo sie am dringendsten wirken müssen: Beim Menschen. Trotz strenger Bestimmungen in der EU finden die Kontrollbehörden immer wieder Rückstände von antibiotischen Medikamenten in Fleisch, Fisch, Eiern und Milch. Geben dürfte es das nach dem Willen des Gesetzgebers eigentlich nicht, denn die ständige Aufnahme auch kleiner Dosen von Medikamenten macht krank.

    Die Ausnahme ist die Regel: Verstöße gegen gesetzliche Bestimmungen

    Die meisten Antibiotika, die in der Tiermast verfüttert werden, enthalten die gleichen Wirksubstanzen wie die Pharmaka der Humanmedizin. Auch bei Nutztieren sollen die Medikamente akute Infektionen bekämpfen, doch viele Mastbetriebe setzen Antibiotika auch als Doping ein: Die prophylaktische Gabe der Medikamente soll zu einem schnelleren Wachstum der Tiere führen. Das ist zwar seit 2006 durch EU-Verordnung verboten, es gibt aber deutliche Hinweise auf massenhafte Verstöße gegen die Beschränkung. Den Beleg liefert eine Studie des Umweltministeriums NRW, wo Untersuchungsergebnisse aus 182 Hähnchenmastbetrieben aufgezeigt werden (SZ, 28.10.2011). Die gefunden Rückstände beispielsweise von Penicillin gehen grundsätzlich auf Applikationsfehler zurück, wie auch Unternehmen der Umwelthygiene betonen (Website R-Biopharm AG).

    Antibiotika tonnenweise: Kaum gesetzliche Beschränkungen in „Schwellenländern“

    Über 1 700 Tonnen Antibiotika pro Jahr verabreichen deutsche Landwirte ihren Schweinen, Rindern, Hühnern und anderen Tieren. Das ist rund das Doppelte dessen, was menschliche Patienten bekommen (DER SPIEGEL 43/2013). Eine derartige Übermedikation ist schon deswegen unsinnig, weil sie größtenteils durch die Umstände der konventionellen Massentierhaltung „erforderlich“ ist. Noch katastrophaler sieht es in Ländern aus, in denen die Anwendung von Antibiotika im Veterinärbereich gar keinen Restriktionen unterliegt. In China liegt der Verbrauch antibiotischer Pharmaka in der Tiermast bei rund 100 000 Tonnen jährlich (SZ, 12.02.2013). Auf die Bevölkerung bezogen („Pro-Kopf-Bedarf“) ist das verglichen mit Deutschland das Vierfache. Ähnlich bedenkenlos ist der Umgang mit Antibiotika (und auch anderen Bioziden) in südamerikanischen Aquakulturen, in denen Lachse heranwachsen (Lateinamerikanachrichten 416/2009). In Südostasien verfüttern Garnelenmäster Chloramphenicol, ein in der EU für die Tierhaltung nicht zugelassenes Antibiotikum (3sat.de, 11.12.2012).

    Schlimmer Verdacht: Resistente Keime aus der Tiermast

    Die mögliche Evolution resistenter Krankheitserreger ist das gravierendste Problem des Antibiotika-Missbrauchs. Hunderte von Bakterien sind es mittlerweile, die ein Resistenzgen erworben haben. Andere haben die Resistenz gegen mehrere der lebensrettenden Medikamente ausgeprägt. Wo und wann diese Resistenzen entstanden sind, lässt sich im Einzelnen kaum noch nachvollziehen. Lag der Ursprung in der human- oder der veterinärmedizinischen Medikation? Bakterielle Resistenzgene konnten Wissenschaftler in chinesischen Schweineställen in fast 200-fach erhöhter Konzentration nachweisen. Vergleichsstandard waren abgelegene Biotope (ZEIT ONLINE, 16.02.2013). Schätzungen zufolge sollen 10% aller Resistenzen in der Tiermast entstanden sein (spektrum.de, 10.01.2012). In der quantitativen Betrachtung klingt das nach relativ wenig. Qualitativ gesehen sieht die Sache anders aus: Denn einer der gefährlichsten nosokomialen Erreger („Krankenhauskeime“) evolvierte seine Resistenz nachweislich in der Tiermast: Staphylococcus aureus in der Variante CC398 (SPIEGEL ONLINE, 22.02.2012). Fast alle Stämme des MRSA („Methycillinresistenter Staphylococcus aureus“, manchmal auch „Multiresistenter Staphylococcus aureus“) sind resistent gegen mehrere Antibiotika. Der potentiell tödliche Keim infiziert fast 40 000 Krankenhauspatienten jährlich (Dr. Schimmelpfennig bei B. Braun Melsungen AG, 2012). Multiresistente Bakterien sind schon seit einigen Jahren in allen Fleischsorten nachweisbar (R. Vorbracht, Evangelisches Krankenhaus Oldenburg, 3.Hygienetag Köln, Oktober 2012). Zwar heißt das nicht unbedingt, dass sie auch in der Tiermast entstanden sein müssen. Doch die Vermutung liegt schon sehr nahe!

    Nebenwirkungen und Risiken: Die Gesundheit ist gefährdet

    Aber auch auf direktem Weg können die Rückstände der Antibiotika in Fleisch und Eiern sowie Milch und Milchprodukten die Gesundheit mehrfach beeinträchtigen. Sehr wahrscheinlich fördern selbst geringe Belastungen Allergien beim Menschen, was bei lebensrettenden Medikamenten äußerst kritisch ist. Daneben steht auch eine kanzerogene Wirkung in der Diskussion (Website B. Braun Melsungen AG).

    Keiner ist sicher: Antibiotika-Rückstände in fast allen Lebensmitteln

    Früher oder später gelangen alle Medikamente in die Umwelt. Und so wird auch eine vegane Ernährung nicht vollständig vor einer unkontrollierten Antibiotika-Aufnahme schützen. Denn über das Grundwasser reichern sich die Pharmaka auch in Gemüse an (mdr, 20.01.2013), allerdings dürften diese Belastungen geringer sein als in tierischen Produkten. Und eine vegane Ernährung unterstützt keine Fleischindustrie, die verantwortungslos mit Antibiotika umgeht!

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